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Altena
Breslau
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Meine Kindheitserinnerungen:

Altena in Westfalen

Die Erinnerung an meine Kindheit beginnt, als ich etwa 4 Jahre alt war. Wir wohnten damals in Altena, einer kleinen Stadt in Westfalen. Die Adresse Lindenstr.12 habe ich bis heute behalten. Ich musste sie auswendig lernen, um wieder nach Hause zu finden, falls ich mich mal verlaufen sollte. Schließlich war ich ein sehr neugieriges, sehr aktives und anstrengendes Kind, wie meine Mutter immer sagte.
Vor dem Haus verlief eine schmale Pflastersteinstraße. Die gegenüberliegende Häuserzeile war in den Berg hinein gebaut worden, so daß man bei einigen Häusern vom Berg aus direkt in den Dachboden gelangen konnte. Hinter dem Haus floss ein kleiner Fluss, mit Namen Lenne. Im Sommer war der Wasserstand so niedrig, daß überall größere und kleinere Steine herausschauten. Man konnte von Stein zu Stein hüpfend, trockenen Fußes das andere hochgelegene Ufer erreichen, was ich einige Male erfolglos versuchte und dabei jedesmal im Wasser landete. Das andere Ufer war steil und hoch. Obenauf verlief eine Bahnlinie. Wenn mir langweilig war und ich nicht auf die Straße durfte, ging ich gerne auf unseren kleinen Balkon und schaute den vorbeifahrenden Zügen nach. Meine Mutter ließ mich dann nie allein, weil sie befürchtete, ich könnte vom zweiten Stock in den Fluß stürzen.
Im Frühjahr, wenn in den Bergen die Schneeschmelze einsetzte, wuchs die Lenne zu einem reißenden Strom an, trat über die Ufer und überschwemmte alle tiefer gelegenen Straßen der Stadt. Auch die Keller liefen voll Wasser und wenn man die hölzerne Kellertür aufmachte, sah man ein paar Stufen tiefer Kartoffeln im dunklen, von Wellen bewegtem Wasser umher schwimmen. Noch heute höre ich das Geräusch, das die hölzerne vom Druck der Wasserleitung angetriebene Waschmaschine verursachte, wenn sie ebenso im Wasser schwimmend an die Kellerwände schlug. Kinder die zur Schule mussten und die Erwachsenen, die zur Arbeit oder zum Einkaufen gehen wollten, warteten an den Hauseingängen und wurden von dort in Kähnen durch die überschwemmten Straßen gestakst. Feuerwehrmänner verrichteten diese Arbeit. Nach zwei bis drei Tagen ging die Lenne wieder zurück in ihr altes Flußbett, Schlamm und Dreck in den Straßen und Kellern zurücklassend. Die Kähne wurden in den tiefer gelegenen Stadtteilen zurück an die Haken gehängt, die für diesen Zweck an einigen Häusern angebracht waren. Der normale Alltag konnte wieder beginnen.
Unser Kinderzimmer lag gleich neben der Küche. Zwei Fenster zeigten zur Straße und an der linken Seite gelangte man durch eine Tür in das Schlafzimmer meiner Eltern, in dem auch mein um drei Jahre jüngerer Bruder schlief. Ich schlief in einem Gitterbett, während meine um eineinhalb Jahre ältere Schwester ein Einzelbett mit einem Federrahmen hatte, auf dem es sich so schön hüpfen ließ. Wie auf einem Trampolin. Ich schlief nicht gerne allein in meinem Käfig, und wenn das Licht ausgemacht worden war, kletterte ich flugs aus meinem Bett und schlüpfte zu meiner Schwester unter die Bettdecke. Die hatte das aber gar nicht gerne und rief sofort nach Vater oder Mutter. Trotzdem versuchte ich es immer wieder, bis mein Vater mir den Teppichklopfer über das Gitterbett legte. Wenn ich mich dann aufsetzte, stieß ich mit dem Kopf an den Klopfer, vor dem ich eine Heidenangst hatte. Ab und zu bekam ich dann Alpträume. Eine Riesenkugel rollte im Schlaf langsam auf mich zu und drohte mich zu erdrücken. Ich wachte dann auf und schrie und durfte bei meinen Eltern schlafen.
Eines morgens, ich lag noch im Bett, hörte ich unten auf der Straße Kinder, die laut plappernd zur Schule gingen. An der Wand stand die Puppenküche meiner Schwester, und kurz entschlossen warf ich die Stoffpuppe, die in ihrem Puppenbettchen lag, aus dem geöffneten Fenster heraus, Ein großes Geschrei der Kinder auf der Straße war die Reaktion. Durch die aufmunternden Schreie der Kinder animiert, warf ich so nach und nach das gesamte Inventar der Puppenküche zum Fenster hinaus. Das Geschrei auf der Straße wurde immer lauter bis auch meine Mutter es hörte und dem Spaß ein jähes Ende machte.
Ich hatte einen gleichaltrigen Freund, sein Name war Albert. Seinem Vater gehörte eine Metzgerei, die in unserer Straße gelegen war. Wenn wir morgens zur rechten Zeit im Schlachthaus waren, zur Zeit wenn die Kochwurst gar war und aus dem Kessel geholt wurde, dann gab es immer ein großes Stück von dieser Kostbarkeit. Für meinen Freund Albert war Wurst im allgemeinen nichts besonderes. Wenn wir dann bei mir zu Hause waren, fragte er in seiner westfälischen Mundart meine Mutter: „Tante, hast du ein Butter?“, denn er aß liebend gern ein dick geschmiertes Butterbrot, und seine Mutter, die im Laden bedienen mußte, hatte kaum Zeit dafür.
Die Familie meines Vaters war in Oberschlesien zu Hause. Nach dem verlorenen ersten Weltkrieg und verlorener Volksabstimmung über die Staatszugehörigkeit Oberschlesiens, es wurde polnisch, zog die große Familie, sie war immer urkatholisch und sehr fruchtbar, westwärts. Dort ließen sie sich in der Nähe von Breslau nieder. Nach dem zweiten Krieg kam die große Vertreibung, eine neue Völkerwanderung, und diesmal zogen sie in den äußersten Westen des heutigen Deutschland und gründeten dort neue Existenzen. Doch das nur nebenbei.

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